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Zwischen Bluthochdruck, Osteoporose und Apfelmost
Von Steffi Schuster

Amerdingen
Die Haustür ist nur angelehnt. Aus dem dunklen Flur sind Stimmen zu hören, ehe
drei lebhafte ältere Damen in gemusterten Blusen zum Vorschein kommen. „Der
Doktor ist da“, hört man eine von ihnen sagen, während sie sich gegenseitig in
die Wohnstube schieben. „Fang bei ihr an“, ordnen die beiden Jüngeren der
Schwestern dann an, „die hat sich heut schon aufregen müssen.“ Die Anweisung
gilt dem Hausarzt Dr. Martin Rawer, der sogleich das Blutdruckmessgerät anlegt.
Dabei wird munter geplaudert. Über die Landwirtschaft, wo zwei der Frauen immer
noch mithelfen, über das Kreismusikfest am Wochenende, über die Praxisgebühr,
die heute fällig ist.
Und darüber, wie schlimm es wäre, wenn der Doktor nicht mehr kommen würde. „Wir
haben kein Auto und nur eine kleine Rente. Wir können nicht nach Nördlingen
oder Heidenheim fahren“, sagt eine der Schwestern, die beiden anderen nicken
heftig.
Den gesamten Menschen im Blickwinkel
„Zum Blutdruckmessen könnte ich auch eine Arzthelferin hinschicken“, sagt Dr.
Rawer, der eine Allgemeinarztpraxis in Amerdingen betreibt. Um den gesamten
Menschen im Blickwinkel zu haben und Veränderungen zu bemerken, brauche man
aber eine medizinische Ausbildung.
Deshalb setzt sich Rawer zweimal pro Woche in seinen schwarzen Golf und stattet
den Patienten, für die der Weg in die Sprechstunde zu beschwerlich oder
schlicht unmöglich ist, einen Besuch ab. Jeden Montagnachmittag und
Donnerstagvormittag fährt er im Grenzgebiet zwischen Bayern und
Baden-Württemberg umher; heute geht es nach Eglingen, Forheim und Aufhausen.
In über 20 Häusern macht er Halt, fragt „Wie geht´s dem Fuß, dem Hals, der
Schulter?“, verschreibt Tabletten, Salben oder Windeln. Für Rosa Vogl hat er
eine gute Nachricht: „Das mit der Krankenkasse hat sich geklärt, die zahlen die
Massagen jetzt wieder.“
Nachbarschaftshilfe
Seit einem Oberschenkelbruch braucht die alleinstehende Frau zwar ein
Gehwägelchen zum Laufen, kommt sonst aber gut zurecht. „Und es gibt eine Frau
aus der Nachbarschaft, die ihr ein bisschen hilft oder Essen vorbeibringt“,
weiß der Arzt. Das wenigstens funktioniere auf dem Land noch.
Mal dauert ein Besuch drei Minuten, mal setzt sich Dr. Rawer mit an den
Küchentisch und lässt sich Zeit. Doch ein bisschen Small Talk darf neben der
medizinischen Versorgung niemals fehlen. Der Mann mit kariertem Hemd und
Hosenträgern erklärt ihm deshalb, dass man den besten Most aus Schweizer
Wasserbirnen macht. Seine Schwester, eine kleine, gebückte Frau in blauer
Schürze, klagt indessen über unerträgliche Schmerzen: „Das ist die Osteoporose,
das dürfen Sie ruhig schreiben.“
Einer anderen Patientin hat der Hausarzt ein Foto mitgebracht. Sie war mit
einer Gruppe von Patienten bei einer Demonstration gegen den Umbau des
deutschen Gesundheitssystems im Münchner Olympiastadion. Der Hausarzt hatte die
Fahrt organisiert und ein Erinnerungsfoto geknipst. „Das ist aber nett von
Ihnen, Herr Doktor“, sagt sie und strahlt.
Etwa 17 Euro bekommt Martin Rawer derzeit für einen Hausbesuch. Diese
Zusatzzahlung allerdings könnte vom kommenden Jahr an wegfallen. „Dann bleibt
nur die Pauschale von rund 34 Euro pro Patient und Quartal. Und damit käme ich
nicht mehr über die Runden.“
Doch noch ist nichts entschieden - und genau darin liegt das Problem. „Der
Haken ist, dass alles ungewiss ist und wir keine Kalkulationssicherheit mehr
haben“, sagt der Mediziner. Aber selbst wenn es einmal hart auf hart käme,
verhungern müsse er nicht. „Die Leute schenken mir ganz oft Salat oder Obst.
Und Eier hab ich in den letzten 30 Jahren vielleicht zweimal gekauft“, erzählt
Rawer schmunzelnd, während er zum Auto zurückgeht, um seine Tour fortzusetzen.
Meist verrät schon die Einrichtung der Wohnküchen das Alter der Patienten -
Holzöfen, geblümte Tapeten oder wuchtige Küchenbuffets finden sich dort. „Wir
sind jetzt halt im fortgeschrittenen Jugendalter“, sagt ein Forheimer. Vor sich
auf dem Tisch hat er die Zeitung liegen, dazu eine große Lupe. „Ohne kann ich
höchstens noch die Überschriften lesen“, erklärt er, während seine Frau eine
Spritze bekommt. Obwohl sie hofft, dass der Landarzt ihnen noch mindestens zehn
Jahre erhalten bleibe, hat sie Angst: „Vor dem Tag, an dem er uns die Botschaft
bringt, dass er in Rente geht.“
Und die wird nichtsdestotrotz früher kommen als der zierlichen Frau mit Brille
lieb ist. „Ich werde nächstes Jahr 60 und halte deshalb schon jetzt nach einem
Nachfolger Ausschau“, sagt Martin Rawer. Bisher jedoch ohne Erfolg. Die Landarztpraxis
in einer Gegend abseits von jeglicher städtischer Infrastruktur ist für junge
Kollegen nicht attraktiv genug. „Außerdem sind Einzelpraxen von der Politik eh’
nicht mehr gewollt.“ So etwas entspricht einfach nicht mehr den Vorstellungen
eines rentablen und effizienten Gesundheitssystems. Die Zukunft wird
stattdessen großen Medizinischen Versorgungszentren gehören.
Und die Hausbesuche? Für die sieht es schlecht aus: „In zehn Jahren werden die
Hausärzte auf dem Land ausgestorben sein“, befürchtet Rawer. Bei den Patienten
schauen dann allenfalls Gemeindeschwestern vorbei. So wie es das
Schwester-Agnes-Modell, das es jetzt schon in Mecklenburg-Vorpommern gibt,
vorsieht.
Andere Lösung finden
Noch aber wirft Dr. Rawer die Flinte nicht ins Korn - zu sinnvoll,
erhaltenswert und unersetzbar erscheint ihm das Hausärztemodell. Sollte sich
wirklich kein Nachfolger finden, schwebt ihm ein Konstrukt vor, bei dem seine
Praxis in Amerdingen zumindest als Zweigstelle einer anderen Praxis oder eines
Versorgungszentrums erhalten bleibt. Seine Patienten werden es ihm danken.
„Denn wenn es pressiert, ist unser Doktor immer an Ort und Stelle“, sagt einer
von ihnen.
Rieser Nachrichten vom 12.07.2008 http://www.rieser-nachrichten.de
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